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eukalyptus - eine Band aus Schwerin - der Versuch eines Rückblickes
Es begann Anfang der 70er Jahre (1972 ?). Wolf Dieter “Atze” Niemann, Holger Lüdke und Hans-Rainer “Kurt” Köhn gründeten eine Schülerband (EOS “J. W. von Goethe”). Anfangs spielte man HardRock. Als Vorband der „Rot-Weiss-Combo“ im Schweriner Casino (1973?), dann der erste Auftritt unter dem Namen „FUSION“. Im Juni 1974 spielten die Jungs zum ABI Ball im “Klubhaus der Kabelwerker” (Elefant). Danach gingen “Atze” und “Kurt” für 3 Jahre zur Armee. In der Urlaubszeit wurde kräftig geprobt (“Komarow” Schule in der Weststadt). Nach der Armeezeit ging es endlich richtig los. Später kamen Rainer Fleisch und Edwin “Eddy”Ryll und ich, Herbert Weisrock dazu. Zu diesem Zeitpunkt animierte mich Holger zum Erlernen des Spielens eines Saxophons. Der erste wirkliche bezahlte Auftritt war dann im Herbst 1977 im Studentenkeller in Rostock. Ein neuer Bandnamen mussten her. Der Name „FUSION“ war bereits an eine große Berliner Band vergeben (Nachfolgeband der BIG BAND von Klaus Lenz). Wir kamen auf „VETO“. Für einige Leute recht missverständlich. VETO =lat. -ich verbiete [auch > Einspruchsrecht bei der UNO]. Wir sahen es nicht so sehr politisch. Es war die Art der Musik und die deutschen Texte, geschrieben von Atze und Holger. Musik, die nicht in die übliche Tanz- und Rockrichtung einzuordnen war. Es waren Titel, die mehr mit JazzRock vermischt und mit vielen Stilelementen von Klassik bis Freejazz gespielt wurden. „eukalyptus- JazzRock und andere Musik“ nannten wir das später.... In Schwerin gab es zu diesem Zeitpunkt einen guten Jazzclub. Hier wurde in der Hauptsache Freejazz gespielt. Ich erinnere mich an zwei prägende Auftritte. Die Gruppe FEZ von Conny Bauer und SOK mit „Baby“ Sommer. Neben den „Ostjazzern“ kamen auch einige Musiker aus dem Westen, wie John Tchicai, Trevor Watts , Charlie Mariano u.a. Sie alle haben uns musikalisch inspiriert. Sowie die Musik der internationalen Jazz & Rock-Szene, von Leuten wie Cick Corea, John McLaughlin, Weather Report, Miles Davis, Frank Zappa, Santana, Klaus Doldinger u.a.. Später dann entdeckten wir die „alten“ Jazzer für uns, wie Monk, Parker, Coltrane, Dolphy.... In der ehemaligen “ollen DDR” musste man, um überhaupt je öffentlich auftreten zu dürfen, eine TANZMUSIKEINSTUFUNG absolvieren. Eine Einstufungskommission zensierte hier die musikalische Qualität, sowie für sie wichtige Dinge, wie „politisch, korrekte” Texte, Bühnenoutfit, das Verhalten auf der Bühne und das zur damaligen Zeit mit entscheidende Kriterium, das Titel- verhältnis der 60/40 REGELUNG (60 % Ost bzw. eigene Titel, 40 % Westtitel). Eine Regelung, an die sich kaum eine Band nach Erhalt der Einstufung gehalten hat. Für uns war diese Regelung kein eigentliches Problem, spielte wir ohnehin meist selbst verfasste Texte/Titel. Anlass zur Kritik gaben unsere Texte (oft zu pessimistisch) sowie die „Bläser“ (zu schräg ). Es gab die Grund-, Mittel-, Ober- und Sonderstufe, dementsprechend war dann auch die Bezahlung. Bezogen auf unsere Band hatte der Großteil der Funktionäre in der Kommission ohnehin Null- Ahnung und war bei unserer Musik mehr als irritiert. Letztendlich erhielten wir dann die OBERSTUFE mit KONZERTBERECHTIGUNG, ich denke, eine Einstufung, welche für uns extra geschaffen wurde. Wir waren eben musikalische Exoten und etwas schräg. Das dachten allerdings auch viele Schweriner Tanzmusiker. ...Zwischenzeitlich hatte Kurt (unser Basser) einen „Kellerschlagzeuger“ entdeckt: Torsten “Spatzek” Adrian. Der wiederum spielte nebenbei auch noch ein wenig Trompete und brachte gleich noch einen Trompeter mit: Thomas Lehr. Beide Jungs waren zu diesem Zeitpunkt gerade 15/16 Jahre alt. Sie spielten übrigens im Blasorchester des Theodor Körner Ensembles der Deutschen Reichsbahn in Schwerin. Torsten hat mir mal später verraten: “... dass die “eukalyptus” Zeit für ihn sehr wichtig war und er dadurch zum Jazz gekommen ist”. Im legendären „MDW“(Speisesaal des VEB Molkerei und Dauermilchwerk Schwerin - 1978) ging dann so richtig die „POST“ ab. Wir als Band, galten nun als Geheimtipp in Schwerin. Holger Lüdke schrieb im Jahre 2000 hierzu: „... eine Institution in der Schweriner Szene“. Danach kam Eddy Ryll zurück zur Band und brachte noch seinen Bruder Hubert mit und Torsten seinen Bruder Olaf. Von nun an hatten wir reichlich HORN & DRUMPOWER ! Anfangs wurde bei Holger im Zimmer geprobt. Wie hielten dies nur seine Eltern aus ? Spätere Proben fanden dann im ca. 12 qm Raum neben dem Heizungskeller des Klubhauses der Kabelwerker (Elefant) in der Goethestraße statt . Einen tollen Probenraum hatten wir allerdings nie. Herr Genosse Künzel, Chef vom “Stadtkabinett für Kulturarbeit Schwerin” begann irgendwann über unseren Bandnamen “VETO” zu sülzen “... der Name ist zu politisch...” Um weiterhin auftreten zu dürfen, musste wieder ein neuer Name her. Die Band traf sich zur Namensfindung in Holgers Zimmer. Stundenlang wurde diskutiert, wir fanden keinen vernünftigen Namen. Irgendwann kam Holgers Mutter mit etwas Essbaren und einer Tüte Eukalyptusbonbons und sagte: “Nennt Euch doch EUKALYPTUS.” Das wars ! Super ! Hat was von Hustenbonbon, kennt jeder, gegen Schleim, erfrischend, irgendwie auch exotisch mit ´nem Ypsilon drin - ein Name, der nur bei uns klein geschrieben wird - eukalyptus nur echt mit Bauchlogo”. Als wir dann den Namen beim Genossen Künzel genehmigen ließen, glaube ich daß er noch kurz was von “eukalyptus hat auch was mit Australien und Kapitalismus zu tun....” murmelte. Das fand er aber letztendlich wohl selbst zu BLÖDE. Aus jener Zeit sind auch die Aufnahmen auf dieser CD. Viele Titelthemen wurden oft in anderen Songs wieder neu mit einbezogen, halt je nach Situation und Gefühl. Es entstand eine Art „Patchworkmusik“ und vom Arrangement her nicht ganz 100 %ig. Aber etwas EIGEN- STÄNDIGES ! Aufgenommen wurde mit dem russischen „Jupiter“-Tonbandgerät (ETO GUTT MASHIN !) Bis auf einige Bandaussetzer, sind die Aufnahmen noch von erstaunlich guter Qualität. Musiker kamen und gingen. TONY LAKATOS und REINHARD WALTER waren Gastmusiker. Wir spielten u.a. in Magdeburg, Güstrow, Rostock, Wismar (sogar Tanzmusik zum Studentenfasching), Freiberg, Heiligendamm, Illmenau und in Dresden in der „Tonne“ und am Schweriner Theater zur legendären Aufführung von den DDR-ENTDECKUNGEN. Das ging so weiter bis 1984... und es kam zum Bruch. Unsere Wege trennten sich, zu groß und unterschiedlich waren die musikalischen Meinungen. 1988 dann ein Neubeginn mit Atze, “Rollo” Mentzel, Stefan Jaffke und meine Wenigkeit „Herb“. Unser neues Motto: “free, fresh, frust & fun“. Später kam Ralf Messer am Saxophon dazu . Selbst Holger ließ sich zu einem Auftritt hinreissen . Wir schafften sogar zwei Auftritte in Berlin. Geprobt wurde im Malersaal des Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin (CD oo3 Tortur- the Malersaal Tapes). Dann kam die Wende. ....Neuorientierung für jeden von uns, und das nicht nur im Bereich Musik. Der Kontakt blieb dennoch... Die Band hatte sich zum Teil in veränderter Besetzung über die Wende gerettet. Ich wohnte im Westen (bei Lübeck), hatte aber noch Kontakt. Kurzzeitig spielten Enne Kaiser (sax), sowie “Hermel” Hermelschmidt (perc) mit in der Band. 1990/91 kam es außerdem zu einer vorüber- gehenden Verschmelzung von eukalyptus mit der damals recht erfolgreichen Band “Das Auge Gottes” (Eiche, Griemi, Josi, Cutmaster...). Man nannte sich: “Das Auge des eukalyptus”... und hatte einige recht erfolgreiche Auftritte. Infos über das Auge Gottes: http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Auge_Gottes Anfang 1992 formierte sich die Band aber teilweise neu. Neben Atze Niemann, Rollo Mentzel und Stefan Jaffke, spielte der Musikstudent, Sänger und Keyboarder Mathias Schabow mit. Ich kam zwischendurch zu einigen Proben und Auftritten. Die Musik wurde Funky mit vielen freien Jazzelementen. Die Texte waren nun auschließlich von Atze Niemann. Ziemlich frustriert und schonungslos zur Gesellschaft und zu sich Selbst. Das Ganze hielt bis Anfang 1993. Die Aufnahmen auf der CD sind vom Februar 1992 im Schweriner Buschclub. Diese CD wurde noch von Atze und mir gemeinsam produziert (CD oo4 Hard Core). Danach taten sich Atze mit Marco Pohl zusammen. Sie nahmen einige Songs auf. Resultat war eine tolle CD mit Hitpotential. Die beiden nannten sich THE DIRTY OLD GIANTS - traten aber nie live auf (---> außer bei ANTENNE MV... der Livemitschnitt hat Kultcharakter) Mitte der 90er besucht ich des öfteren Atze in seinem neuen Wohnort Langen Jarchow bei Brüel. Sporadisch nahmen wir Titel auf, schwärmten von alten Zeiten und ließen unter der „EINFLUSSNAHME“ mehrerer Biere das Plattenlabel „dachboden-records“ entstehen... Einige Resultate dieser Zeit sind auf der CD Jalousie Rouge zu hören. Eddy Ryll, auch schon ein Oldman aus eukalyptus-Zeiten, mixte mit an den neuen Ideen. Wir hatten das Ziel, wieder “eukalyptus-music” live auf die Bühne zu bringen. Hinzu kamen wieder Stefan Jaffke und als zweiter Drummer Bert „Metti“ Scharffenberg. Ende der siebziger Jahre hatten wir schon eine Zeitlang mit zwei Drummern gespielt. Das kam beim Publikum unheimlich gut an. Zwischendurch hatten wir noch Kontakte anderen alten “eukalyptus”- Mannen wie Holger, Rollo, Olaf und Torsten Adrian. Aber ich glaube die Jungs merkten das es nicht mehr richtig lief. Nach mehreren Terminverschiebungen kam er dann: DER AUFTRITT im SPEICHER in Schwerin im November 2000, mit neuem Bassisten „Ofi“, sprich Torsten Baeter. Hinter uns lagen Proben ohne Ende, Nerven total blank, viel vertrödelte Zeit mit Diskrepanzen, Labereien begleitet von nicht geringen Mengen Alkohol. Und dennoch, wie auch immer, wir hatten es geschafft. Vor uns lag der Abend, im Publikum viele alte Fans , Bandkollegen und Kritiker. Ein Abend untermalt mit einer Diashow, Titel aus der guten alten “eukalyptus”- Zeit. Dieser Abend, auf den ich ZWIESPÄLTIG zurückblicke , sollte der letzte Höhepunkt der “eukalyptus-Band” sein. Danach war die Luft ganz raus, Funkstille von allen Seiten. Gedankliche Verarbeitung. Atze machte noch einige Aufnahmen mit Ofi, Stefan und Metti. Wir trafen uns noch ein paar mal. Zusammen mit Atze wollte ich noch etliche alte Aufnahmen auf CD brennen. Aber dabei blieb es dann auch. ...Wolf-Dieter “Atze” Niemann starb im August 2002. ...”Atze...in guten Tagen war er Motor und Ideenquelle...“, so schrieb Holger in seinem Nachruf im “Schweriner Blitz”. Doch die schlechten Tage haben ihn letztendlich übermannt. Dabei war der Alkohol immer mehr sein ständiger Begleiter in dem er Zuspruch für Trost und Anerkennung glaubte zu erfahren. Atze, der mehr und mehr in einer Traumwelt lebte und kein Blick mehr für die Zukunft fand. Haben wir es nicht erkennen können, nicht erkennen wollen ? Inzwischen habe ich viele alte Aufnahmen aus seinem Nachlass bekommen (Tonbänder, Kassetten, DAT-Aufnahmen, MiniDisc´s und Videos). Nach und nach werde ich einige der besten und wichtigsten Aufnahmen bei „dachboden-records“ auf CD veröffentlichen.... Zusammen mit Eddy gründete ich eine neue Band. Unter dem Namen „blueasphalt“ spielten wir meist Rock und Bluesstandards. Es gab auch Überlegungen die Band “eukalyptus” zu nennen. Dieser Gedanke wurde aber wieder schnell verworfen, da ja teilweise eine ganz andere Musik gespielt wird. Außerdem ohne Atze ... Eine Zeitlang spielte auch Holger Lüdke mit in dieser Band. Bei einigen Auftritten sind sogar andere ehemalige ”eukalyptus”- Musiker als Gäste mit dabei gewesen. Die Band wurde dann zur blueasphalt + eukalyptus Rhythm & Brass Section. Im Mai 2005 starb leider auch Holger. Er war ein sehr kreativer Mensch. Neben seinen tollen Schlagzeugspiel und der souligen Stimme, wird er vielen auch mit seinen witzigen Cartoons in Erinnerung bleiben....
Inzwischen - August 2008 - habe ich die Band “blueasphalt“ einseitig aufgelöst...
Einen “eukalyptus-Traum” hab ich noch: die besten Songs von damals, noch einmal live zu erleben !!! Danken möchte ich meiner Familie, den vielen Freunden und Bekannten, für ihre Tipp's, technische Unterstützung und der guten Zurede. Herbert Weisrock, im Februar 2003 / Mai 2005 / Februar 2008 / Oktober 2008 / Januar 2009
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